Lieber Tayyip Erdogan!

Von Mely Kiyak
Frankfurter Rundschau

Am Samstag bekommen Sie in Bochum einen Preis. Den „Steiger Award“. Nie gehört. Auf der Homepage steht, es handele sich um eine Privatinitiative. „Wir ehren Persönlichkeiten, die sich durch Geradlinigkeit, Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz auszeichnen.“ Geehrt werden auch der Modemacher Wolfgang Joop, der Musiker Tim Bendzko und Königin Silvia von Schweden. Merkwürdige Runde.

Als türkischer Premierminister nehmen Sie den Preis „stellvertretend für das türkische Volk für 50 Jahre deutsch-türkische Freundschaft“ in Empfang. Gerhard Schröder wird laudieren. Vor 50 Jahren begann die Arbeitsmigration von Türken nach Deutschland. Ein Gastarbeiterpreis? Für das türkische Volk?

Die ehemaligen Arbeiter haben doch schon Kinder in Deutschland geboren, die auch wieder Kinder bekommen haben. Warum nimmt kein Arbeiter den Preis in Empfang? Stellvertretend für das deutsche Volk? An derlei Ungereimtheiten sieht man schon die Hohlheit solcher Veranstaltungen, die lediglich dazu dienen, Gastgeber und Sponsoren glänzen zu lassen. Beispielsweise die Sparkasse Bochum oder Joska Kristall, die den Menschenrechtspokal mundgeschliffen haben. Beide Unternehmen verband man bislang nicht mit deutsch-türkischer Happiness.

Blöd nur, dass die alevitische Gemeinde in Deutschland die ganze Glitzersause zu verderben droht. Man schätzt, dass ein Drittel der türkischen Bevölkerung Aleviten sind. In Deutschland leben ungefähr 800 000 Aleviten. Ob im Verband organisiert oder nicht, Aleviten hören genau hin, wenn es um Geradlinigkeit, Menschlichkeit und Toleranz geht.

Aleviten in der Türkei leiden oder litten unter staatlich organisierten oder geduldeten Pogromen in der Türkei. Vertreibung, Vergewaltigung, Verbrennen, Massaker – alles Ereignisse, die allein im letzten Jahrhundert stattfanden. Deshalb reagiert die alevitische Gemeinde besonders sensibel, wenn das höchste türkische Regierungsmitglied in der gleichen Woche einen Preis bekommt, in der die alevitische Protestbewegung eben erst in der Türkei frisch gedemütigt wurde.

Als 1993 während eines alevitischen Kongresses in Sivas die Tagungsteilnehmer im Hotel Madimak verbrannt und die volksfestartige Stimmung ohne Eingreifen der Polizei stundenlang live im Fernsehen übertragen wurde, hat das eine neue Generation von Aleviten gegen den türkischen Staat munitioniert. Seitdem demonstrieren Bürgerrechtler für die strafrechtliche Verfolgung der Täter und eine würdige Gedenkstätte am Tatort. Die türkische Justiz hat die Tat am Dienstag verjähren lassen.

Alle 28 Strafverteidiger sind Mandatsträger der Regierungspartei AKP. Diese Woche haben Aleviten dagegen protestiert und sind von der Polizei verprügelt und mit Gas attackiert worden. Das ist der Grund, weshalb manche Aleviten vor Verzweiflung schier ausflippen, seit sie von der Preisvergabe erfahren haben.

Herzlichen Glückwunsch wünscht

Ihre Mely Kiyak.

P.S. Auf den Bürgersteigen von Berlin-Neukölln kam mir zu Ohren, dass ein Täter von Sivas dort einige Wettbüros betreibt. Die Türkei stellte bis heute keinen Auslieferungsantrag. Der Brandstifter ist Asylbewerber. Hoffentlich alles Gerüchte! Falls nicht, nehmen Sie ihn auf dem Rückweg in die Türkei gleich mit! Dank Verjährung hat er doch nichts mehr zu befürchten.

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